Eine Schwangerschaft ist für viele Menschen ein freudiges Ereignis, das jedoch auch körperliche und emotionale Herausforderungen mit sich bringen kann. Bei manchen Frauen liegt bereits vor der Empfängnis eine chronische Erkrankung vor, die den Verlauf der Schwangerschaft beeinflussen kann. Eine besonders komplexe Situation entsteht, wenn die Schwangere an myalgischer Enzephalomyelitis beziehungsweise chronischem Fatigue‑Syndrom, kurz ME/CFS, leidet.
ME/CFS ist eine schwerwiegende, multisystemische Erkrankung, die durch anhaltende, unerklärliche Erschöpfung, kognitive Beeinträchtigungen und häufige Schmerzen gekennzeichnet ist. Die Ursachen sind bislang nicht vollständig geklärt, doch aktuelle Forschungen zeigen, dass immunologische, neuroendokrine und metabolische Dysregulationen eine zentrale Rolle spielen. Im Folgenden erhalten Sie einen umfassenden Überblick über die besonderen Chancen und Risiken von ME/CFS während der Schwangerschaft, gestützt auf den aktuellen Stand der Wissenschaft. Ziel ist es, Ihnen fundierte Informationen zu geben, damit Sie gemeinsam mit Ihrem Ärzteteam informierte Entscheidungen treffen können.
Inhaltsverzeichnis
Was ist ME/CFS?
ME/CFS wird von internationalen Fachgesellschaften durch das Phänomen der postexertionalen Malaise definiert. Das bedeutet, dass bereits geringe körperliche oder geistige Anstrengungen zu einer deutlichen Verschlechterung des Gesundheitszustands führen. Diese Reaktion tritt oft verzögert ein, meist zwölf bis vierundvierzig Stunden nach der Belastung.
Zu den typischen Symptomen gehören neben der anhaltenden, nicht durch Schlaf behobenen Müdigkeit auch kognitive Störungen, die sich als Konzentrations‑ und Gedächtnisprobleme äußern und im Alltag häufig als „Brain Fog“ bezeichnet werden. Schlafstörungen mit nicht erholsamem Schlaf, Muskel‑ und Gelenkschmerzen sowie autonome Dysfunktionen wie Schwindel oder Herzrasen runden das Beschwerdebild ab.
Die Diagnose erfolgt ausschließlich klinisch, da es keinen spezifischen Labor‑ oder Bildgebungsbefund gibt. Wichtig ist, andere Ursachen wie Schilddrüsenerkrankungen oder Depressionen auszuschließen. Nach Schätzungen betrifft ME/CFS weltweit etwa zwei bis vier Promille der Bevölkerung, wobei Frauen deutlich häufiger betroffen sind als Männer. Da die Erkrankung oft im jungen Erwachsenenalter beginnt, trifft sie viele genau in der Phase, in der sie über eine Familiengründung nachdenken.
Schwangerschaft bei ME/CFS – Was sagt die Forschung?
Tipp: Jetzt noch mehr wissenschaftlich gesicherte Informationen erhalten!
Wir unterstützen Sie dabei, ihr Leben während der Schwangerschaft gesund zu gestalten, mögliche Risiken zu minimieren oder ganz zu vermeiden. Damit Sie nach neun Monaten ein gesundes Baby zur Welt bringen. BabyCare ist bei rund 70 Krankenkassen in Deutschland kostenfrei erhältlich!
Überblick über vorhandene Studien
Die Datenlage zu Schwangerschaft und ME/CFS ist begrenzt, weil die Erkrankung selten und heterogen ist. Die bislang größte prospektive Kohortenstudie stammt aus Großbritannien von einer Forschergruppe an der Universität Newcastle. Diese wurde im Jahr 2023 auf BMJ Open veröffentlicht und untersuchte 113 schwangere Frauen mit ME/CFS im Vergleich zu 226 gesunden Frauen in der Kontrollgruppe.
Wichtige Ergebnisse der Studie
| Ergebnis | ME/CFS‑Gruppe | Kontrollgruppe | Interpretation |
|---|---|---|---|
| Frühgeburten (<37 Wochen) | 15 % | 6 % | Erhöhtes Risiko, aber absolute Zahlen bleiben gering. |
| Niedriges Geburtsgewicht (<2500 g) | 12 % | 5 % | Leicht erhöhtes Risiko, vermutlich durch gestörte Plazentafunktion. |
| Komplikationen (Hypertonie, Präeklampsie) | 22 % | 10 % | Verdoppltes Risiko; engmaschige Blutdruckkontrolle empfohlen. |
| Postpartale Depression | 28 % | 12 % | Signifikant höher; psychische Begleitung wichtig. |
| Symptomverschlechterung während der Schwangerschaft | 38 % berichteten von leichter bis moderater Verschlechterung | 8 % | Mehrheit bleibt stabil, aber ein relevanter Teil erlebt Verschlechterungen. |
Die Autoren betonen, dass trotz erhöhter Risiken die meisten Schwangerschaften ohne gravierende Komplikationen verlaufen. Wichtig sei, dass individuelle Unterschiede groß seien und jede Frau individuell betreut werden müsse.
Mögliche biologische Zusammenhänge
Warum könnten sich manche Frauen mit ME/CFS während der Schwangerschaft schlechter fühlen? Mehrere Mechanismen werden diskutiert:
- Immunmodulation – Während der Schwangerschaft verschiebt sich das Immunsystem hin zu einer stärker toleranten Haltung, um das halbwegs fremde Fötusgewebe nicht abzustoßen. Diese Umstellung könnte bei bereits dysregulierten Immunantworten zu einer zusätzlichen Belastung führen.
- Hormonelle Schwankungen – Östrogen und Progesteron beeinflussen das zentrale Nervensystem und die Energiebilanz. Bei ME/CFS‑Patientinnen können diese Hormone die mitochondriale Funktion weiter beeinträchtigen.
- Kreislaufveränderungen – Das Blutvolumen steigt um bis zu 50 %. Autonome Dysfunktionen, die bei ME/CFS häufig vorkommen (z. B. orthostatische Intoleranz), können dadurch verstärkt werden.
Diese Theorien basieren auf dem aktuellen Stand der Forschung und bedürfen weiterer Bestätigung.
Praktische Empfehlungen für werdende Eltern
Um die bestmögliche Versorgung zu gewährleisten, ist eine strukturierte Herangehensweise in den verschiedenen Phasen der Schwangerschaft empfehlenswert.
Vor der Empfängnis
Eine umfassende ärztliche Abklärung ist der erste Schritt. Baseline-Messungen von Blutwerten, der Schilddrüsenfunktion, dem Vitamin-D-Spiegel und gegebenenfalls Autoantikörpern ermöglichen frühzeitige Interventionen. Idealerweise suchen Sie ein interdisziplinäres Team auf, das Gynäkologie, Innere Medizin und Neurologie umfasst.
Ein kritischer Medikamenten-Check ist ebenfalls wichtig, da viele bei ME/CFS eingesetzte Medikamente unterschiedliche Sicherheitsprofile in der Schwangerschaft haben. Besprechen Sie mögliche Umstellungen rechtzeitig mit Ihrem Behandlungsteam. Zudem sollte die psychische Vorbereitung nicht vernachlässigt werden, da Stress und Angst postexertionale Malaise auslösen können. Psychotherapie oder Entspannungsübungen können hierbei helfen.
Während der Schwangerschaft
Während der Schwangerschaft empfiehlt sich eine regelmäßige Kontrolle. Monatliche Blutdruckmessungen und Proteinurie-Kontrollen dienen der Früherkennung von Präeklampsie. Ein Blutzucker-Screening im zweiten Trimester ist sinnvoll, da Stoffwechselstörungen bei ME/CFS häufiger auftreten können.
Das Energie-Management (Pacing) ist ein bewährtes Konzept bei ME/CFS. Aktivitäten werden in kleine, gut planbare Einheiten unterteilt, gefolgt von ausreichenden Ruhephasen. Während der Schwangerschaft sollte das Pacing angepasst werden:
- Planen Sie zwei bis drei Aktivitätsblöcke pro Tag mit jeweils 20–30 Minuten Dauer ein.
- Jedem Block sollten 30–60 Minuten Ruhe folgen.
- Achten Sie auf frühe Warnsignale wie leichtes Schwindeln oder Konzentrationsschwierigkeiten und reduzieren Sie sofort die Belastung.
Ernährung und Supplemente spielen eine wichtige Rolle. Eine ausgewogene, ballaststoffreiche Kost unterstützt das Mikrobiom, das laut neueren Studien eine Rolle bei ME/CFS spielt. Ergänzend können folgende Nährstoffe sinnvoll sein:
- Vitamin D: 800–1000 IE täglich zur Unterstützung der Immunmodulation.
- Magnesium: 350–400 mg täglich für Muskelentspannung und Schlafqualität.
- Omega-3-Fettsäuren (DHA): 200–300 mg täglich für entzündungshemmende Effekte.
- Folsäure: 400 µg als Standard, bei Risikofaktoren 600 µg zur Vorbeugung von Neuralrohrdefekten.
Leichte, regelmäßige Bewegung kann die Funktionsfähigkeit des autonomen Nervensystems verbessern, muss jedoch strikt an das individuelle Belastungslimit angepasst werden. Sanfte Yoga- oder Pilates-Einheiten (maximal zweimal pro Woche für 30 Minuten) sowie kurze Spaziergänge nach den Mahlzeiten können postprandiale Müdigkeit reduzieren.
Geburt und Wochenbett
Bei der Geburt ist die Wahl des Ortes entscheidend. Ideal ist ein Krankenhaus mit Erfahrung in Hochrisikogeburten und Zugang zu einem interdisziplinären Team. Die PDA bzw. Epiduralanästhesie ist sicher, kann jedoch bei manchen Patientinnen zu Blutdruckabfällen führen, weshalb eine enge Überwachung nötig ist.
Die postpartale Betreuung sollte frühzeitig eine Fachkraft für psychische Gesundheit einbeziehen, um das Risiko einer postpartalen Depression zu reduzieren. Stillen ist grundsätzlich möglich, jedoch kann die zusätzliche nächtliche Belastung zu postexertionaler Malaise führen. Flexible Stillpläne, beispielsweise durch Pumpen und Unterstützung durch Partner oder Pflegepersonal, können hier helfen.
Häufig gestellte Fragen
- Können meine Medikamente während der Schwangerschaft abgesetzt werden?
Nicht pauschal. Einige Medikamente (z. B. bestimmte Antidepressiva) gelten als relativ sicher, andere (wie bestimmte Immunmodulatoren) sollten nur nach sorgfältiger Abwägung geändert werden. Konsultieren Sie immer Ihre behandelnde Ärztin oder Ihren Arzt. - Besteht ein erhöhtes Risiko für Fehlbildungen beim Kind?
Bisher gibt es keine Hinweise darauf, dass ME/CFS selbst teratogen wirkt. Das Risiko hängt vielmehr von den eingesetzten Medikamenten und Begleiterkrankungen ab. - Wie kann ich PEM im Alltag besser kontrollieren?
Planen Sie Ihre Aktivitäten im Voraus, setzen Sie klare Pausen, führen Sie ein Symptomtagebuch und passen Sie das Pensum flexibel an Ihre Tagesform an. - Was tun, wenn sich meine Symptome plötzlich stark verschlechtern?
Rufen Sie sofort Ihre Ärztin/Ihren Arzt an. In akuten Fällen (z. B. starkes Fieber, anhaltender Schwindel) sollte eine Notaufnahme aufgesucht werden.
Ausblick – Forschung und Perspektiven
Die aktuelle Evidenzlage ist noch lückenhaft. Zukünftige Studien sollen insbesondere Langzeitfolgen für das Kind beleuchten, einschließlich Entwicklung und Immunstatus. Die Wirksamkeit von gezielten Therapien wie Low-Dose-Naltrexon oder Immuntherapien in der Schwangerschaft muss weiter untersucht werden. Eine Biomarker-Entwicklung könnte helfen, das Risiko von Komplikationen frühzeitig zu identifizieren.
Einige internationale Forschungsnetzwerke, wie die International Chronic Fatigue Syndrome Study Group, planen bereits prospektive Registerstudien, die wertvolle Daten für werdende Eltern liefern könnten.
Zusammenfassung
ME/CFS stellt während der Schwangerschaft eine besondere Herausforderung dar, weil sowohl körperliche als auch psychische Belastungen verstärkt auftreten können. Dennoch zeigen aktuelle Studien, dass die Mehrheit der betroffenen Frauen gesunde Kinder zur Welt bringt, wenn sie engmaschig von einem interdisziplinären Ärzteteam begleitet wird.
Wenn Sie schwanger sind oder eine Schwangerschaft planen und an ME/CFS leiden, dann:
- Vereinbaren Sie zeitnah einen Termin bei Ihrer Gynäkologin oder Ihrem Gynäkologen und informieren Sie das Team über Ihre Diagnose.
- Erarbeiten Sie gemeinsam ein individuelles Betreuungs- und Therapie-Konzept, das medikamentöse, ernährungsbezogene und psychosoziale Aspekte berücksichtigt.
- Implementieren Sie das Pacing-Prinzip in Ihren Alltag und dokumentieren Sie Ihre Symptome, um frühzeitig auf Veränderungen reagieren zu können.
- Nutzen Sie die verfügbaren Unterstützungsangebote wie Selbsthilfegruppen, psychologische Beratung und spezialisierte Kliniken.
Durch proaktive Planung und kontinuierliche Abstimmung mit Ihrem Behandlungsteam können Sie die Risiken minimieren und die Chance erhöhen, eine gesunde Schwangerschaft zu erleben. Wir wünschen Ihnen eine sichere und erfüllte Schwangerschaft.
Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich Informationszwecken und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bitte konsultieren Sie stets Ihre behandelnde Ärztin/Ihren behandelnden Arzt.
Quellen:
- Institute of Medicine (2015). Beyond Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome: Redefining an Illness. National Academies Press.
- BMJ Open (2023). Pregnancy outcomes in women with myalgic encephalomyelitis/chronic fatigue syndrome: a prospective cohort study, 13(10), e070366. DOI: 10.1136/bmjopen-2023-070366.
Autor: Stephan-Nicolas Kirschner
Bild-Copyright © Zohre Nemati / Unsplash



